Chronik der Frauen: 1650 - 1749
Um 1650: In der zweiten Hälfte des 17. Jh. zeigen sich in Europa, insbesondere in den zerstörten deutschen Territorien, die Auswirkungen des Dreißigjährigen Krieges. Ganze Landstriche sind verwüstet und zerstört, Ortschaften teilweise oder ganz entvölkert, Bauernhöfe liegen brach und zahllose Bettler- und Vagantenheere ziehen über die Landstraßen und durch die Städte. In den vom Kriegsgeschehen verschonten Landstrichen und in den befestigten Handelstädten sammeln sich die durch den Krieg entwurzelten und verarmen Menschen. Die Zahl der umherziehenden Prostituierten steigt drastisch an, besonders steigt ihre Zahl in den großen Handelszentren wie Wien, Prag, Hamburg. Unzählige Witwen und Waisen stellen den Großteil der von Verarmung, Elend und Not betroffenen Menschen, die aus den ehemaligen Kriegsgebieten flüchten und durch die Landschaften vagabundieren. Als Bettlerinnen, Wahrsagerinnen, Schaustellerinnen oder Prostituierte sind die Frauen nicht nur der gesellschaftlichen Ächtung ausgesetzt, sondern auch den Verfolgungen und Razzien der Armenwächter, die unentwegt Jagd auf billige Arbeitskräfte machen. Aufgegriffene Vagantinnen werden in Zucht- und Arbeitshäuser eingeliefert,
Die Astronomin Kunitz korrigiert Keplers Rudolfinesche Tabellen der Planetarbewegung.
In Nordamerika beginnen die eigentlichen Koloniegründungen durch Handelskompanien und Glaubensflüchtlinge. An der Entstehung und am Aufbau der ersten Kolonien sind die aus Europa eingewanderten Frauen in entscheidendem Maße beteiligt. In der ersten Phase der Koloniegründungen erhalten die Frauen genauso wie Männer Landschenkungen in New-Holland von der englischen Krone. Pionierinnen schaffen es bald, sich in der neuen Heimat Besitzungen zu erwerben und diese gewinnbringend zu verwalten.
Bei den indianischen Stämmen Nordamerikas wird das Verhältnis der Geschlechter bestimmt von der Lebensweise der jeweiligen indianischen Kultur. Bei den Irokesen, einer Waldlandkultur im Gebiet des heutigen New York, genießen Frauen eine auffallend hohe kultische, politische und wirtschaftliche Bedeutung. Sie sind Besitzerinnen der Erde, der Felder, der Ernte und der Häuser. Auch das religiöse System wird durch weibliche Symbole bestimmt. Obwohl das Amt des Häuptlings in der Regel von einem Mann bekleidet wird, kontrollieren Frauen die Ausübung der politischen Macht. Sie wählen die Führer und entscheiden darüber, ob die Männer ihre Aufgaben zufriedenstellend erfüllen.
1652: Universitätsprofessoren wettern in Deutschland gegen die steigende Zahl dichtender Frauen, die, so die Begründung, eher häuslichen Arbeiten nachgehen sollten.
1652: In Genf wird Michée Chauderon als Hexe verbrannt.
1653: Unter dem religiösen Einfluss der Puritaner wird in England die Zivilehe eingeführt, die aber nur sieben Jahre existiert.
1655: An der Amsterdamer Schowburg wird die erste weibliche Darstellerin engagiert.
1659: In den: Femmes précieuses ridicules verspottet Molière die Damensalons.
1661: Durch die Sächsische Gesindeordnung werden Bauernmägde, die der Feldarbeit das Wollespinnen, Klöppeln oder Strumpfstricken vorziehen, gezwungen, sich zu verdingen
1664: In Deutschland wird die Frauendichtung verurteilt. Sie führe zur Vernachlässigung der Hausarbeit und zur Gefährdung der Sittlichkeit. Wegen des Verkaufs verbotener Bücher wird in England die Buchdruckerin und Händlerin Elizabeth Calvert verhaftet. Die 26jährige Elisabetta Sirani malt: Portia, ihren Schenkel verwundend. Das Sujet ist in der Kunstgeschichte einzigartig.
1666: In Paris erscheint eine Abhandlung über Chemie von der Chemikerin und Naturwissenschaftlerin Marie Meurdrac. Mary Astell schlägt einen neuen Schultypus vor, in dem Frauen ungestört leben und eine Ausbildung genießen können. Obwohl es ihr gelingt, das Geld für ein solches Haus aufzutreiben, wird das Projekt als unvereinbar mit dem Geist der Reformation abgelehnt.
1667: Die Royal Society of London öffnet der Wissenschaftlerin Margaret Cavendish, Herzogin von Newcastle, ihre Türen. 1668 werden ihre: Beobachtungen über experimentelle Philosophie, als Werk ihres Mannes eingestuft, weil man es einer Frau nicht zutraut, anspruchsvolle Bücher zu verfassen.
1669: Juana Inés de la Cruz lässt sich von 40 Wissenschaftlern über alle Wissensgebiete öffentlich prüfen; schon zu Lebzeiten wird die Dichterin und Nonne als zehnte Muse Mexikos gefeiert.
1670: Die ehemalige russische Nonne Aljona besetzt an der Spitze von 7000 Aufständischen die Stadt Temnikovo. Kurz darauf wird sie gefangen genommen und verbrannt.
1671: In Wien wird eine neue Kleiderordnung erlassen, die den Luxus einschränken soll. Jakob Thomasius und Johannes Sauerbrei behaupten in einer gemeinsamen Schrift, dass Frauen aufgrund ihres Temperaments weniger für eine wissenschaftliche Betätigung geeignet seien als Männer. In England veröffentlicht die Hebamme Jane Sharp ein grundlegendes Buch über Geburtshilfe, das mehrfach neu aufgelegt wird. Sie fordert eine bessere medizinische Versorgung von Frauen, um die hohe Müttersterblichkeit zu senken.
1672: Während in Frankreich eine frauenzentrierte Salonkultur blüht, erscheint in Wittenberg die Schrift: Femina non est homo, die aufgrund rationalistischer Spekulationen der Frau das Menschsein abspricht.
1673: Francois Poulain de la Barre veröffentlicht die Schrift: Über die Gleichheit der Geschlechter in körperlicher und moralischer Hinsicht, woraus man die Notwendigkeit erkennt, Vorurteile abzulehnen.
1676: Die Indianerin Wetamoo beteiligt sich and der Spitze eines Heeres von 300 Kriegern ihres Stammes, am Kampf gegen die Engländer.
1677: Die Hebamme Marguerite de la Marche berichtet über Experimente mit Fruchtwasser und Blutserum.
1678: Elena Piscopia wird Dozentin für Mathematik an der Universität von Padua.
Um 1680: Die Französin Jeanne Dumée beschäftigt sich mit astronomischen Studien und verfasst ein Buch über das kopernikanische System.
1686: Frauenbildung wird in Deutschland zum Thema für Doktorarbeiten: In Wittenberg wird eine Dissertation über das Gelehrte Frauenzimmer verfasst
1687: Elizabeth Cellier veröffentlicht in England einen Plan für eine Geburtsklinik, in der auch Krankenschwestern ausgebildet werden sollen.
1690: die berühmteste Hebamme und Autodidaktin ihrer Zeit, Justine Dittrichin Siegemundin von Brandenburg publiziert ihre Beobachtungen über die Geburtsheilkunde und über die Vermeidung von gefährlichen Steißgeburten. Posthum erschienen die Prinzipien der antiken und modernen Philosophie von Anne Conway. Sie spricht noch vor Gottfried Wilhelm Leibniz, von unteilbaren Geist-Materie-Partikeln, die sie Monaden nennt und als veränderbar definiert. Dadurch legt sie den Grundstein für die Evolutionstheorie. Das Eherecht der jüdischen Bevölkerung Europas unterscheidet sich in vielen Aspekten von den christlichen Gepflogenheiten. Durch die Eheschließung, die Vertragscharakter hat, wird die Stellung der verheirateten Frau in wirtschaftlicher und sozialer Hinsicht detailliert festgelegt. Vor dem Vollzug der Ehe muss der Bräutigam der Braut den Ehevertrag, die Ketubba, aushändigen, in dem der zukünftigen Ehefrau eine Minimalversorgung für den Fall einer Scheidung oder Witwenschaft zugesichert wird.
1691/92: In Salem in Neuengland sterben bei einer Hexenjagd 20 Menschen.
1694 Elisabeth Claude Jacquet de Laguerre gibt ihre Oper: Céphale et Procris in Druck. Ihre Kompositionen gehören zu den bedeutendsten Werken ihrer Zeit.
1695 : Die bedeutendste Bildhauerin der Barockzeit, Luisa Ignacia Roldan, gen. Roldana, wird von König Karl II. und Königin Mariana von Spanien als Hofbildhauerin eingestellt.
17./18. Jh: In Japan erreicht der Prozess der Einschränkung weiblicher Freiheiten während der Tokugawa-Periode, der Blütezeit des japanischen Feudalismus, einen vorläufigen Höhepunkt. Außer der Ehe ist nur die Prostitution die einzige Versorgungsmöglichkeit von Frauen. Anfang 18. Jh. fordern Moralisten und Ärzte in Europa die Frauen auf, ihre Kinder selbst zu stillen. Die Kinder wurden üblicherweise nach ihrer Geburt zu Ammen in Pflege gegeben bis zur Vollendung des 5. Lebensjahres, da die Meinung vorherrschte, dass das Stillen, das auch als unfein galt, der Mutter körperlich schade, das Kind verweichliche und verderbe. In Indien wird die Geburt einer Tochter von vielen Familien als Unglück betrachtet, Die Tötung neugeborener Mädchen ist keine Seltenheit. Das Heiratsalter von Mädchen liegt bei acht bis neuen Jahren. Seit dem 7. Jh. ist es üblich, dass die Witwe zusammen mit dem Leichnam ihres verstorbenen Ehemannes auf dem Scheiterhaufen verbrannt wird. Auch die Frau der Oberschicht kann sich dem nicht entziehen.
Im 18. Jh. setzt sich ein neues Schönheitsideal durch, das durch Wespentaille und auslandende Hüften charakterisiert ist. Der Reifrock des 16. Jh. feiert im Rokoko eine glanzvolle Rückkehr in die Welt der Mode; er gilt als umso modischer, je breiter er die Hüften seiner Trägerin erscheinen lässt (auch 4 m). Die breiten Röcke, weiten Ärmel, Schleppen und aufgetürmten Frisuren werden mit Schnürbrust und Planchette ergänzt. Durch die Planchette, ein dreieckiges Metallstück, wird der Bauch abgeflacht, die Taille nach unten verlängert, und die Brüste werden nach oben geschoben. Die Taille wird durch Zusammenschnüren verschmälert und durch Stahlfedern, die bis auf den Unterleib reichen, vorn verlängert. Das Kunstwerk wird durch die aufwendig hochgetürmte, weißgepuderte Frisur und das maskenhaft geschminkte Gesicht vollendet.
1700:In Berlin müssen unverheiratete Frauen Steuern zahlen. Die Brasilianerin Maria Ursula de Abreu zieht als Soldat verkleidet unter dem Namen Baltasar de Coito Cardoso nach Indien. Bei der Eroberung von Amboina zeichnet sie sich durch Tapferkeit aus und wird zum Hauptmann befördert. Wie sie werden allein in den Niederlanden rund 120 Fälle von Frauen bekannt, die in Männerkleidung unter männlichem Namen eine neue Identität annehmen.
1702: Maria Kirch, eine der berühmtesten Astronominnen des 17. Jh. entdeckt den Kometen des Jahres, den man allerdings weder nach ihr benennt noch ihr zuschreibt.
1704: Als Reaktion auf die beachtliche Zahl von Frauen, die sich öffentlich in die Glaubensstreitigkeiten einmischen, erscheint in Deutschland das Buch: Beschreibung der falschen Prophetinnen. Die deutsche Alchimistin Dorothea Julie Wallich verfasst drei Schriften zur Alchimie und Mineralogie.
1712: Hinrichtung einer Hexe in England. Die französische Sängerin Marie Autier feiert an der Pariser Oper Triumphe. Sibylla Masters aus Philadelphia reist nach England, um das Patent für eine von ihr entwickelte Maschine zur Maisverarbeitung anzumelden. Trotz ihrer Unterschrift, wird das Patent auf den Namen ihres Mannes ausgestellt.
1713: Kaiser Karl VI. erlässt die Sanktion: Bei fehlender männlicher Nachkommenschaft sind nun auch die weiblichen Nachkommen erbberechtigt.
1714: König Friedrich Wilhelm I. von Preußen leitet die Beendigung der Hexenprozesse in seinem Land ein
1715: In Deutschland erscheint das Frauenzimmerlexikon. Die erste moderne angelsächsische Grammatik wird von Elizabeth Elstob verfasst. In Teutschlands galante Poetinnen, werden über 100 deutsche Autorinnen sowie einige Textproben zusammengestellt, um zu beweisen, dass sich nicht nur das Ausland mit gebildeten Frauen rühmen kann.
1717: Die Engländerin Lady Mary Wortley Montagu beobachtet bei einer Reise durch das Osmanische Reich eine Pockenimpfung und führt dieses Verfahren nach ihrer Rückkehr in England und im übrigen Europa ein. Trotz heftiger Kritiken seitens der Schulmediziner setzt sich die Impfung durch. Sie bereitet den Weg zu der Einsicht, dass Krankheiten durch Erreger entstehen.
1722: Die Dichterin Christiana Mariana von Ziegler eröffnet in ihrem Leipziger Elternhaus den ersten musikalischen Salon.
1724: die Zeitschrift: Die Patriotin erscheint
1728: Die Frauenzeitschrift: Die Matrone erscheint in Hamburg. Die Buchdruckerin und Händlerin Sarah Harding wird in Dublin verhaftet, weil sie satirische Gedichte veröffentlichte. In Berlin wird eine Frau der Hexerei angeklagt.
1730: Die Balletttänzerin Marie-Anne de Cupis de Camargo, Erfinderin des absatzlosen Tanzschuhs, wird zur ersten Solotänzerin der Pariser Oper ernannt.
1732: Die Kurhannoversche Dienstbotenordnung legt Eigenzimmerinnen, die sich nicht verdingen wollen, hohe Steuern auf.
1733: Christiana Mariana von Ziegler wird als erste Frau von der Universität von Wittenberg mit Laurea Poetica gekrönt. Laura Bassi erwirbt den Doktorgrad in Philosophie der Universität Bologna sowie ein Stipendium zur Weiterführung des Studiums.
1737: Elisabeth Blackwell beginnt mit der Arbeit am Curious Herbal, einem der bekanntesten Kräuterbücher.
1738: Die italienische Mathematikerin Maria Gaetana Agnesi verfasst ihre Propositiones Philosophicae. Sidonia Hedwig Zäunemann erhält den Titel der kaiserlich gekrönten Poetin.
1740: Gabrielle Emilie Marquise du Châtelet, von André Marie Ampère als Genie der Geometrie gerühmt, veröffentlicht eine Einführung in die Physik.
1742: Sophie Charlotte Ackermann übernimmt die Leitung einer eigenen Schauspieltruppe.
1744: Die erste von einer Frau publizierte Frauenzeitschrift erscheint: The Female Spectator von Eliza Haywood.
1745: In Frankreich findet eine Hexenhinrichtung statt. In England findet das erste registrierte Damenmatch im Kricket statt. Jeanne Antoinette Poisson erhält Zutritt zum französischen Hof und wird die Geliebte von König Ludwig XV., der sie zur Marquise de Pompadour macht. Madame Pompadour prägt wie kaum eine andere Frau die europäische Politik der ersten Hälfte des 18. Jh.
1748: Die italienische Gelehrte Maria Agnesi wird in die Akademie der Wissenschaften zu Bologna gewählt.
