Märchen, Sagen aus Südtirol
MÄRCHEN
GESCHWIND WIE DER WIND, PACK-AN EISENFEST
Es lag einmal ein alter Vater, der einen Sohn hatte, auf dem Totenbett. Als er dem Sterben nahe war, sprach er zu seinem Knaben, der am Bette stand und weinte, dass es ihm fast das Herz
abstieß.
"Jörgl, ich muss nun von dir fort in die Ewigkeit und kann dir nichts hinterlassen als die drei Hunde im Hundestall drunten. Sie werden dir treu und redlich dienen und wenn du brav und redlich
bist, wirst du noch einmal dein Glück in der Welt machen."
Bei den letzten Worten verließ den Alten die Stimme, er sank ganz aufs Lager zurück und die Augen waren für immer geschlossen.
Jörg wusste wohl, was das zu bedeuten habe, und weinte vom Morgen bis zum Abend bei seinem toten Vater.
So trieb er es zwei Tage lang. Am dritten Tag aber kamen zwei schwarze Totengräber, die trugen den toten Vater vom weinenden Knaben weg und begruben ihn. In das Stübchen, in dem der Vater
gestorben, kamen aber andere Leute und der Jörg, der wohl recht arm war, musste sich forttrollen.
Er nahm den Stecken seines Vaters, ein Stücklein verschimmeltes Brot, das von den Lebzeiten des Vaters her noch da war, und die drei Hunde mit sich und ging in die weite Welt. Die Hunde hießen
aber: Geschwind wie der Wind, Pack an, Eisenfest. Denn der Erste lief wie der Wind, der Zweite stürzte mit solcher Kraft auf die wildesten Tiere los, dass ihm keines widerstehen konnte, und der
Dritte war so stark, dass er nichts, was er einmal gefasst hatte, losließ und alles zermalmte.
Jörgl war mit seinen drei Begleitern schon weit, weit gegangen und bettelte sich Brot vor den Türen oder half, wo er konnte, auf dem Feld arbeiten, Heu mähen und Korn schneiden.
Als er einmal wieder, es war gerade Sommer und die Sonne schien sehr heiß, mit seinen drei Begleitern weiterwanderte und ihm der Schweiß in großen Tropfen von der Stirn rann, sah er eine große
Stadt mit hohen Türmen und großen, schönen Häusern.
Er ging auf sie zu und als er näher kam, sah er, dass alle Gebäude mit schwarzem Flor behangen waren, und die Türme waren auch mit schwarzem Zeug überzogen, sodass man nur die goldenen Knöpfe
glänzen sah. Es kam ihm dieses so sonderbar vor und noch sonderbarer schien ihm die Stille, die er ringsum bemerkte, als er in die Stadt gekommen war. Da war alles öde und wie ausgestorben, kein
Wagen rollte über das Straßenpflaster, kein Schmied hämmerte, kein Binder polterte, keine Seele regte sich.
Als er auf den Platz gekommen war, sah er ein Mädchen, das schwarz angezogen in einem irdenen Krug Wasser vom Brunnen holte. Auf das ging er zu und fragte es, was das alles zu bedeuten
hätte.
Das Mädchen erzählte ihm bestürzt, dass in der Nähe ein fürchterlicher Drache hause, der die ganze Gegend weitum verheere und täglich zwei Jungfrauen mit Haut und Haar auffresse. Jeden Morgen
würde das Los geworfen und die Jungfrauen, die das Los treffe, würden dem unersättlichen Wurm geopfert. Heute sei das Los auf die einzige, schöne Königstochter gefallen und deshalb sei alles in
Trauer, selbst die Stadttürme. Der König sei ganz trostlos und habe dem, welcher die schöne Prinzessin befreien würde, seine Tochter und das ganze Königreich versprochen. Aber alles umsonst, denn
jeder meide den gewissen Tod und niemand fände Lust, um die Königstochter zu werben. Der alte König sei deshalb noch bestürzter und zerraufe sich den greisgrauen Bart. Es dauere nur noch eine Stunde,
dann sei Mittag, und der scheußliche Drache müsste abgefüttert werden. Als das Mädchen ihm so erzählte, hörte er plötzlich Trompetenstöße und es kamen Herolde und ein Wagen, den sechs Schimmel zogen,
und darin saß eine schöne Jungfrau mit goldenen Haaren und blauen verweinten Augen, die so schwarz wie die Nacht gekleidet war.
Der Wagen hielt mitten auf dem Platz still, ein Herold trat vor und rief:
"Das ist des Königs Wille und Begehr. Wer seine schöne Tochter vom Drachen befreit, soll sein geliebter Schwiegersohn und Nachfolger werden."
Und wieder war es still und öde.
Als aber Jörg die schöne Königstochter so weinen sah, wurde ihm das Herz so weich, dass ihm selbst die Augen übergingen, und er dachte: Ich will es in Gottes Namen wagen, denn wird die
Königstochter vom wüsten Drachen gefressen, kann ich des Lebens doch nimmer froh werden. Er trat deshalb vor den Herold und sagte:
"Wenn es so ist, wie du sagst, will ich es mit dem Drachen probieren."
Die holde Königstochter wischte, als sie dieses hörte, ihre blauen Augen aus, und sie lächelte dem Jörg so lieb und bittend zu, dass er vor Freude zitterte. Sie führte ihn nun zum alten,
greisgrauen König und als dieser den jörg sah und von seinem Vorhaben hörte, umarmte er ihn weinend und gab ihm seinen Segen.
Indessen war die Stunde verflossen und es schlug zwölf Uhr. Da musste Jörg hinaus zum Drachen, denn dieser fraß auch um die zwölfte Stunde zu Mittag. Jörg pfiff seinen drei Hunden, dem Geschwind
wie der Wind, dem Pack an und dem Eisenfest, und ging eine Viertelstunde nach Norden, bis er in die Nähe der Drachenhöhle kam. Kaum war er dort angekommen, kroch der Drache aus der Höhle, um das
Essen in Empfang zu nehmen, und spie vor Hunger so viel Feuer aus, dass es dampfte wie in einer Esse.
Kaum sah Jörgl das Ungestüm, rief er dem ersten Hund zu: "Geschwind wie der Wind!" und der Geschwind wie der Wind stürzte sich schnell wie der Wind auf den Drachen los, dass dieser ganz und gar
erschrak.
Gleich rief Jörg dem zweiten Hund zu:
"Pack an!" und dieser packte den wüsten Drachen mit solcher Kraft, dass der Wurm ihm nicht widerstehen konnte und nicht vom Fleck kam.
"Eisenfest!" rief Jörg dem dritten zu und Eisenfest schlug seine Zähne in die harten Schuppen des Drachen ein dass sie zersprangen wie Glas und zerfleischte das Ungetüm, bis es tot war.
Jörg schnitt dem im Blut daliegenden Wurm die lange Zunge heraus und brachte sie dem traurigen König. Als dieser die Zunge sah, weinte er vor Freude, fiel dem Jörg um den Hals und ließ ihn wie
seinen eigenen Sohn kleiden. Dann führte er ihn zur schönen Prinzessin, die nun das schwarze Kleid abgelegt hatte und die so schön war wie der Tag, und sagte:
"Weil du mein Alles mir gegeben, so gebe ich dir alles."
Er legte dann die Hände beider ineinander und segnete sie. Und als er das getan hatte, fiel draußen die Musik ein und beide hielten sich lange an der Hand und sprachen kein Wörtchen, sondern
sahen nur einander an, als ob sie sich in alle Ewigkeit nicht sattsehen könnten. Ihre Augen glänzten vor Freude, als ob sie beide im Himmel wären. Und abends war Hochzeit, da hatten die drei Hunde
auch einen recht guten Tag und fraßen, als ob sie gewusst hätten, was für ein Fest wäre.
Jörg lebte aber viele, viele Jahre mit der Königstochter recht glücklich und als der alte König gestorben war, wurde er König und regierte, dass es eine Freude war.
Die drei Hunde wachten an seinem Thron Tag und Nacht, bis auch er dem alten König gefolgt war.
(Quelle: Kinder- und Hausmärchen aus Tirol. Gesammelt durch die Brüder Ignaz Vinc. und Josef Zingerle, herausgegeben von Ignaz Vinc. von Zingerle. Innsbruck 1911, Nr. 8, Seite 39)
DIE DREI GESCHICHTEN VOM ROSENGARTEN
KÖNIG LAURIN
Vor kurzem habe ich euch die Sage vom Alpenglühen erzählt und von dem Berge bei Bozen, den man "Rosengarten" nennt.
Eine andere Sage berichtet, daß dieser Berg hohl sei und daß in seinem Innern viele Zwerge wohnen. Sie kommen auch manchmal auf die Felsen heraus, besteigen die Spitzen und sehen sich die
sinkende Sonne an. Wenn dann die Almhirten vor ihren Hütten sitzen und in die Stille des Abends hinaushorchen, dann hören sie oben im Geklüfte Steine fallen und vernehmen ferne, seltsame Laute. Das
machen die Zwerge, die oben herumwandern und sich etwas zurufen. Sie pflegen den Rosengarten, bewässern ihn und halten ihn im besten Stand. Außerdem besitzen sie Bergwerke, aus denen sie große
Schätze hervorholen. Sie hatten auch einen König, der hieß Laurin und war klein von Gestalt, jedoch sehr tapfer.
Das Roß, das er ritt, hatte nur die Größe einer Geiß; er besaß aber eine Rüstung mit unvergleichlichen Eigenschaften. Dazu gehörte eine Tarnkappe, mit der er sich unsichtbar machen konnte, und
ein Gürtel, der ihm Zwölf-Männer-Kraft verlieh.
Eines Tages erhielt Laurin Kunde von einer fremden Prinzessin, die Similde hieß und sehr schön war. Er beschloß, um diese Prinzessin zu freien, denn er wollte sie zu seiner Königin machen.
Deshalb schickte er drei Boten an ihren Vater. Die Boten wurden aber nicht nur abgewiesen, sondern auch noch schlecht behandelt und auf dem Heimwege sogar verfolgt. Da ergrimmte Laurin und tat
etwas, das er niemals hätte tun dürfen: er beschloß, die Prinzessin zu rauben! Also stieg er zu Pferde, setzte die Tarnkappe auf, die ihn unsichtbar machte, und begab sich vor die Burg, in der
Similde wohnte. Als diese nichts ahnend im Freien lustwandelte, hob er sie aufs Pferd und ritt mit ihr von dannen bis in seinen Rosengarten. Hier ließ er sie zwar wie eine Königin behandeln, aber er
hielt sie gefangen, denn sie durfte und konnte den Rosengarten nicht verlassen.
Die Nachricht von dem Raube der Prinzessin verbreitete sich schnell, und es geschah, daß einige Recken auszogen, um sie zu befreien. Unter ihnen war der berühmte Dietrich von Berne. Sie begaben
sich in Laurins Reich und verwunderten sich sehr, als sie den herrlichen Rosengarten erblickten; insbesondere staunten sie darüber, daß der Garten nicht mit Wall und Graben, sondern nur mit einem
goldglänzenden Seidenfaden umzogen war. Dietrich war so erfreut von dem Duft und Anblick des Rosengartens, daß er sich nicht entschließen konnte, den Faden zu zerreißen und in den Garten
einzubrechen. Aber einer seiner Gesellen tat es.
Kaum war das geschehen, so erschien der König Laurin und forderte Sühne.
Es kam zu einem Kampfe, bei dem die Recken in schwere Bedrängnis gerieten. Selbst der sieggewohnte Dietrich konnte sich des kleinen Laurin kaum erwehren. Dietrichs Waffenmeister aber wußte, daß
Laurin einen Stärkegürtel besaß; deshalb rief er seinem Herrn zu, er möge Laurins Gürtel zerreißen. Als Dietrich dies getan hatte, verlor Laurin seine übernatürliche Stärke und konnte endlich
überwältigt werden.
Nun schloß man Frieden und begab sich gemeinsam in den Rosengarten, wo Similde weilte und wo die Recken glänzend bewirtet wurden. Doch der Friede war nicht von Dauer; es gab wieder Streit und
der Kampf begann von neuem.
Laurin wurde zum zweiten Male besiegt und der größte Teil seiner Zwerge erschlagen. Dann zogen die Recken mit Similde fort. Laurin aber war traurig und hatte nun keine Freude mehr an seinem
Rosengarten. Deshalb verließ er ihn und begab sich auf einen öden Vorgipfel des Gebirges, wo nur Steinhalden und Legföhren sich ausbreiteten und wo über den ragenden Felszinken das Geschrei der
Lämmergeier zu hören war.
Hier verbrachte Laurin kummervolle Jahre.
(Quelle: Dolomitens Sagen, Sagen und Überlieferungen, Märchen und Erzählungen der ladinischen und deutschen Dolomitenbewohner, Karl Felix Wolff, Bozen 1913)
NOTWENDIGKEIT DES SALZES
Es war einmal ein König, der hatte drei Töchter, die er alle drei recht herzlich liebte, weil sie brav und schön waren.
Er wußte nun nicht, welche von den dreien er zur Königin bestimmen sollte.
Als sein Geburtstag vor der Türe stund, ließ er die Töchter vor sich kommen und sprach zu ihnen:
"Meine lieben Kinder, ich hab' euch alle drei recht herzlich gern und wußte lange nicht, welche von euch ich zur Erbin meines Thrones einsetzen sollte. Nun aber bin ich mit mir eins geworden,
daß diejenige von euch, welche mir etwas zu meinem Geburtsfeste bringt, was im menschlichen Leben höchst notwendig ist, Königin werden soll. Geht also und bedenkt euch die Sache mit allem Fleiße
!"
Als der Geburtstag des alten Königs herankam, da brachten ihm die zwei ältesten Töchter sehr notwendige, aber zugleich höchst kostbare Dinge zum Geschenke. Die jüngste aber brachte in einem
verzierten Gefäße nichts mehr als ein Häuflein Salz. Wie der König dies ihr Geschenk sah, ward er über und über zornig, jagte seine Tochter aus dem Schlosse und verbot ihr, sich jemals wieder unter
seine Augen zu wagen.
Die verstoßene Königstochter zog nun mit tiefem Herzeleid in die ihr unbekannte Welt hinaus und nur das Vertrauen auf ihre Verständigkeit vermochte sie einigermaßen zu trösten.
Nachdem sie eine gute Zeit so fortgegangen war, kam sie zu einem Wirtshause. Da fand sie eine wackere Wirtin, die das Kochen von Grund aus verstand. Bei dieser ging sie in die Lehre und brachte
es bald so weit, daß sie die Wirtin in der Kochkunst um ein gutes übertraf. Man redete nun weitum von der vortrefflichen Köchin, die in diesem Wirtshause sei, und jedermann, der des Weges kam und
noch ein paar übrige Kreuzer in der Tasche klingen hörte, kehrte ein, um sich einen Braten oder was Vornehmeres geben zu lassen.
Der Ruf der berühmten Köchin drang auch zu den Ohren des Königs und bewog ihn, dieselbe als Hofköchin anzunehmen. Da trug es sich zu, daß die älteste Königstochter Hochzeit hatte und die
berühmte Köchin das Hochzeitsmahl mit allem Aufwande bereiten mußte. Am Hochzeitstage wurde also die eine vornehme Speise nach der andern aufgetragen, so daß fast der Tisch krachte. Alles war
vortrefflich gekocht und das Lob der Köchin ging von Mund zu Munde. Endlich kam auch die Lieblingsspeise des Königs. Dieser nahm schnell seinen Löffel und verkostete.
"Die Speise da ist nicht gesalzen," rief er zornig, "laßt die Köchin vor mich kommen !"
Man lief also schnell um die Köchin und diese trat unerschrocken in den Saal.
"Warum hast du meine Lieblingsspeise zu salzen vergessen, du nachlässiges Mädel !" barschte sie der König gleich an.
Die Köchin aber antwortete:
"Ihr habt ja eure jüngste Tochter verstoßen, weil sie das Salz für so notwendig hielt. Seht ihr jetzt vielleicht ein, daß euer Kind so unrecht nicht hatte ?"
Wie der König diese Worte hörte, erkannte er seine Tochter, bat sie um Verzeihung, hieß sie an seine Seite sitzen und nahm sie wieder als sein liebes Kind auf. Jetzt wurde die Hochzeit erst
recht lustig und der König lebte noch viele Jahre nach dem Hochzeitstage freudig und liebevoll bei seinen Kindern. (Meran.)
(Quelle: Kinder- und Hausmärchen aus Tirol. Gesammelt durch die Brüder Ignaz Vinc. und Josef Zingerle, herausgegeben von Ignaz Vinc. von Zingerle. Innsbruck 1911, Nr. 31, Seite 165)
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DAS SCHLOSS
Ein antrisches Loch, das im Ahrntal seinen Anfang nahm, mündete beim sagenhaften Schloss Purstein, hoch über dem Tauferer Boden. Dort lebten
zwei reiche Schwestern, eine von ihnen war blind. Einst kam der Ritter von der Kehlburg ins Schloss und hielt um die Hand der sehenden Frau an. Diese willigte ein, und um die Blinde loszuwerden, bot
man ihr ein Fass voller Goldstücke an. Die Blinde tastete über die Goldmünzen im Fass, aber ihre Schwester und der Ritter hatten sie betrogen. Das Holzfass stand umgekehrt da, die
Goldmünzen bedeckten nur den Boden des Behälters. Nach ein paar Tagen läuteten die Glocken von der Tauferer Pfarrkirche her zur Hochzeit, und ein mächtiges Gewitter entlud sich über dem
Tauferer Boden. Plötzlich fuhr ein Blitzschlag nieder und das Hochzeitspaar versank in der Erde, mit ihm verschwand auch spurlos das Schloss.
(von Steger Konrad)
DER TERLANER TURM
Als der kunstvolle Turm in Niederlana gebaut wurde, arbeitete ein junger Steinmetz dabei, der wegen seiner Geschicklichkeit vom Baumeister geliebt wurde. Der
schöne Bursche kam oft in die Wohnung des Meisters und lernte dort seine bildschöne Tochter kennen, zu der er bald eine große Neigung faßte. Das Mädchen war ihm auch hold und wünschte sich keinen
andern Mann. Ermutigt durch das Vertrauen, das ihm der Meister so oft geschenkt hatte, bat er um die Hand der Tochter. Da aber sah der stolze Mann ihn verächtlich an und sagte: "Wenn du einmal
einen solchen Turm gebaut hast, wie ich zu Lana, kannst du um meine Tochter kommen. Einstweilen schlag dir aber solche Gedanken aus dem Kopf." Den Steinmetz wurmte diese Rede und er sann auf
Mittel, dem Alten das Bad abzugewinnen. Eben damals wollten die Terlaner auch einen Kirchturm aufführen und der beleidigte Steinmetz übernahm den Bau. Er baute den Turm so künstlich, daß dieser sich
auffallend gegen die Straße neigte. Da hatte er das Spiel gewonnen, und die schöne Meisterstochter wurde seine Braut.
(Quelle: Zingerle, Ignaz Vinzenz, Sagen aus Tirol, 2. Auflage, Innsbruck 1891, S. 529 f.)
SAUSCHLOSS
Die zu einer schwindelnden Höhe emporragenden, nur auf einem steilen Felsenpfade zugänglichen Trümmer des Schlosses Greiffenstein, führen noch immer im
Volksmunde den etwas unschönen Namen Sauschloß. Früher soll es auch Raubenstein genannt worden sein, sintemalen greifen und rauben verwandte Begriffe sind, und dies war die Burg, allerdings im
Besitze der Starkenberger, an welche sie nach dem Aussterben der Greiffensteiner fiel. Von Friedrich mit der leeren Tasche hartnäckig und lange belagert, ergab sich die Burg dennoch nicht, und
zuletzt, als es im Heere der Belagerer an Proviant fast ebensosehr zu fehlen begann, wie in der Burg selbst, warfen die Belagerte ein lebendiges Schwein von der Mauer herab ins Lager, was die Feinde
veranlaßte, die Belagerung aufzuheben und abzuziehen. Daher die volkstümliche Benennung. Später aber hat Friedrich mit der leeren Tasche die Burg dennoch genommen und die Starkenberger
vertrieben.
(Quelle: Deutsche Alpensagen. Gesammelt und herausgegeben von Johann Nepomuk Ritter von Alpenburg, Wien 1861, Nr. 282.)
ST. JAKOB IN GRÖDEN
Hoch über St. Ulrich in Gröden stand einst das schöne Schloß Stetteneck, das den mächtigen und reichen Herren von Säben zu Stetteneck gehörte. Der letzte dieser
Säbner zu Stetteneck, Herr Jakob mit Namen, dem sein einziger Sohn und Erbe zu früh gestorben war, beschloß nun, seinen ganzen Reichtum zu Ehren Gottes zu verwenden und eine dem hl. Jakob, seinem
Namenspatron, geweihte Kirche zu erbauen. Herr Jakob besaß eine schöne, sonnige und ebene Wiese herunten im Tal und gedachte, hier die Kirche zu erbauen. Aber als man dann mit den Arbeiten begonnen
hatte, da haben sich die Handwerksleute fortzu geklemmt und verletzt, und plötzlich kamen wilde Vöglein daher, die hoben die blutigen Späne auf und trugen sie in ihrem Schnabel weit den Berg hinan
und ließen sie dort oben fallen - an einem allerdings sehr steilen und unebenen Platz. Da verstand man aber, daß es wohl Gottes Wille sei, die neue Kirche nicht herunten im schönen Talboden, sondern
oben in diesem steilen Berg zu haben. Und so beschloß man also, die Kirche dort oben zu erbauen. Doch es gab nirgends Wasser da oben, wie sollte man also den Mörtel anrühren und die dürstenden
Bauleute laben? Aber auch hier half Gott in seinem unergründlichen Ratschluß ab: denn siehe, über Nacht sprang nächst der Kirche eine Quelle aus der Erde und murmelte als frisches Bächlein den Hang
hinab! So konnte man also hier die Kirche erbauen, und die Quelle floß so lange, bis die Kirche vollendet war. Erst dann versiegte sie wieder.
(Quelle: Wolkenstein, Marx Sittich von, Landesbeschreibung von Südtirol. Verfaßt um 1615, herausgegeben als Schlern-Schrift Nr. 34, Innsbruck 1936. S.
261)
Der Kreuzkofel in Abtei ist eine versteinerte Legende.
KREUZKOFEL in Abtei
Es hat vorzeiten ein überaus frommer Einsiedler da oben gehaust und nur von Waldbeeren und wildem Honig gelebt, denn er war der Weltlust abgestorben und
beschäftigte sich mit nichts anderem, als mit der Betrachtung des Leidens Christi und der Geheimnisse des heiligen Meßopfers. Der Waldbruder war aber vordem ein großer Sünder gewesen, und tat daher
in dieser Einöde über die Maßen strenge Buße. Das dauerte so eine Zeitlang, daß er allein in der Wildnis war, da trug es sich zu, daß Gott der Herr ihm zu seiner leiblichen Notdurft eine Menge wilder
Bienenschwärme sandte, die ließen sich in den Höhlungen des Kreuzkofels nieder und hatten da ihre Wohnung. Und des Honigs, den die wilden Bienen bereiteten, war da eine solche Menge, daß er
allenthalben den Felsen hinabtroff und der fromme Mann täglich genug davon einsammeln konnte. Noch jetzt sieht man, wie die schwarzen Honigstreifen von den Felsspalten sich herabziehen bis an den
Grund. über eine Zeit war es, daß der Einsiedler den frommen Wunsch hatte, das Leiden des Erlösers und die Geheimnisse des heiligen Opfers im Bilde zu schauen; siehe, da erhob er seine Augen und
erblickte auf einmal, was er vorher nicht gesehen hatte: Der Kreuzkofel war so gestaltet, daß sein zerklüftetes Gestein die Bildnisse des Leidens Christi und die heiligen Meßgeräte vorstellte. Da war
der gekreuzigte Heiland zu schauen, dort das steinerne Meßbuch, wieder anderswo der Kelch und so alles, was zur Messe gehört. Wie freute sich darüber der gottselige Mann! Nun konnte auch sein
leibliches Auge sich an dem laben, was er sich so sehnlich gewünscht hatte.
Der Eremit ist vorlängst da verstorben, aber die heiligen Formen und Gestalten sind die Felswände hinauf noch heute leicht zu ersehen, und die Stätte, wo der
Gottesmann gewohnt hat, ist zur vielbesuchten Wallfahrt geworden.
(Quelle: Heyl, Johann Adolf, Volkssagen, Bräuche und Meinungen aus Tirol, Brixen 1897, S. 556 f.)
KÖNIG LAURIN
Wenn man den Schloßhang niedersteigt, gerät man in eine warme, windstille, mit besonders gutem Weine gesegnete Mulde, in der auch der goldene Tropfen süßen
Frauenweines, der Muskateller gedeiht ...: in Laurins sagenumsponnenen Rosengarten! Schon ein längeres Spielmannslied aus dem 13. Jahrhundert behandelt unter deutlichen Hinweisen auf unsere Gegend
die Laurin-Sagen und die Kämpfe des Zwergkönigs mit Dietrich von Bern und seinen Recken. Doch hier haben wir es nur mit dem Volke als Dichter zu tun und
hören: Der alte König Laurin erfreute sich einer gar lieblichen Tochter, fein wie ein saliges Fräulein. Wenngleich die Kristallburg im Innern des Berges wunderprächtig war und von Edelgestein und
Gold schimmerte und leuchtete, der Prinzessin deuchte der helle Sonnenschein draußen weitaus begehrenswerter und schöner, so daß sie sich sehnlichst wünschte, im Lichte draußen einen Garten hegen zu
können. Der königliche Vater willfahrte dem Willen des Maidleins, das nun in der sonndurchwärmten Mulde Rosen aller Art zu pflanzen anhub. Laurins Tochter umzäunte ihren Rosengarten nur mit
goldseidenen Schnüren, daß auch das Volk baß sich freue der duftenden Pracht. Wie und wann all diese Herrlichkeit ein Ende fand, berichtet die Sage nicht. Erinnerungen, Anklänge an Laurins
unterirdisches Reich schwingen mit in einer Sage von Anno Neun. Im Toben der Küchelberger Schlacht standen drei Schützen auf einer Felshöhe Bayern und Franzosen gegenüber. Barbl, ein saggerisch
schneidiges Mädl, pirschte sich mit einem Eimer Milch an die drei heran, um die Dürstenden zu tränken. Freilich war einer davon ihr Herzliebster. Dem gab sie zuerst. Doch, während er den Trunk
schlürfte, kam eine Kugel geflogen, riß den Milcheimer weg und ein Stück vom Friedl, wie der Schatz hieß, dazu. Der Feind stürmte, die anderen beiden Schützen pfefferten drein, was das Zeug hielt,
aber Pulver und Blei gingen dabei aus, so daß die zwei den anderen Teil der Tapferkeit, vorsichtigen Rückzug, wählen mußten; Barbl aber blieb beim todwunden Geliebten. Da erschien eine wunderschöne
Frau mit einer Krone auf dem Haupte, brachte Heilsäfte, Verbandstoffe und trostreiche Worte. Auf ihren Wink wuzelten sich plötzlich kleine Männchen aus Spalten und Klunsen des Berges hervor, machten
sich über den Friedl her wie die Ameisen über eine Beute und schleppten ihn davon. Die wundermilde Frau folgte mit Barbl, sie traten in eine Höhle, der ein Bach entströmte, dann — auf einmal — tat
sich ein prächtiger Saal auseinander, daß das Mädl die Augen schließen mußte vor lauter Glanz und Schimmer, Edelsteinen. Gold, Kristall und Silber. Da saß auf einem Throne der König der Zwerge, so,
wie eben Märchenkönige immer auf Thronen sitzen, stieg freundlich lächelnd herab, strich höchsteigenhändig dem Friedl über die Wunden und verpfändete sein königliches Wort, daß der wackere
Landesverteidiger wieder ganz gesund werde. Barbl pflegte ihn mit Liebe und anderen heilsamen Dingen, bis er wirklich heil ward und kräftig genug für eine Bauernhochzeit. Nun, lieber Leser, hat uns
die Sage vom Schlosse Turnstein über Tirolo und den Küchelberg entlang begleitet, uns den Hintergrund umgrenzt, vor dem im weiten Becken des Etschtales seit vielen Jahrhunderten das Leben des
Burggräflers sich abspielt rings um die einstige Landeshauptstadt. Erst im 17. Jahrhundert taucht ihr Name für sich allein in den Urkunden auf, während man vorher zu schreiben pflegte: „An der
Marein, Maraun, Maran", was nach dem romanischen mara, maraine, marana soviel heißt als „an der Muhr". Das Volk aber leitet den Namen davon her, daß einst das Meer bis an die Mut herangebrandet sei.
Darum wurden oberhalb St. Peter eiserne Ringe gefunden, daran die Schiffe gebunden worden sind. Ja, sogar versteinerte Fische sollen entdeckt worden sein.
(Quelle: Der Burggräfler in Glaube und Sage, Hans Matscher, Bolzano 1933, S. 21ff)
PATTI Armanini * Kunst & Interessen

